Matthias Kirschnereit - Pianist

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>> Neue Zürcher Sonntagszeitung, Kai Luehrs-Kaiser vom 10.12.2006
Der Pianist der aus der Wüste kam
Die Entdeckung des Mozart-Jahres heißt Matthias Kirschnereit
Die Bilanz des Mozart-Jahres fällt mager aus: In Salzburg wurden die 22 Opern des Ortsheiligen aufgeführt – Kenner freuen sich, dass sie es überstanden haben. Anne-Sophie Mutter hat sich als Mozart-Interpretin fast blamiert. Ihren Mozart-Trios (mit Ex-Ehemann André Previn) bescheinigten Kritiker viel Verkaufssinn, aber wenig Geschmack.
Sind wir etwa Mozart nicht mehr gewachsen? Doch. Zumindest ein Mozart-Talent hat uns das Jubeljahr doch beschert: den 44-jährigen Pianisten Matthias Kirschnereit. Als Sohn eines Gemeindepfarrers in einem westfälischen Städtchen geboren, in Namibia aufgewachsen, galt der Lockenkopf lange als Außenseiter der Szene. Bis er in diesem Jahr den Zyklus sämtlicher Mozart-Klavierkonzerte für Arte Nova vollendete.

„Mozart ist uncool“ sagt Pianist Kirschnereit

Hier trifft er genau jenen Ton triftiger Leichtigkeit und ernsten Glücks, der so schwer zu bestimmen und weder durch Virtuosität noch durch Einführung zu zwingen ist. Ein Kunststück in 21 Konzerten (vier frühe „Pasticcio“ – Konzerte und die für zwei und drei Klaviere fehlen). Was ist dahinter?
„Mozart ist uncool“, sagt Kirschnereit im Gespräch. Aus Mozarts Konzerten spreche in jeder Sekunde Zuneigungsbedürfnis, eine Verletzlichkeit und menschliche Schwäche. Diese flüchtigen Gefühle zerfallen zu nichts, wenn man musikalisch Druck ausübt. Mozart könne man nur durch „Natürlichkeit, Lebendigkeit, Wahrhaftigkeit“ zum Leben erwecken, so schreibt Kirschnereit im Booklet. Anders machen wolle er nichts, ergänzt er beim Kaffee. Aber „nichts falsch machen zu wollen“, mit heißen Fingern und noch heißerem Kopf „ musical correctness“ zu zelebrieren, das sei eben auch verkehrt.
Die Leichtigkeit hat ihren Preis. Kein Wunder, dass kaum jemand Mozart spielen kann. Sechs Jahre nahm sich Kirschnereit für den Zyklus Zeit. Ließ von Beethoven die Finger. Und fand in Frank Beermann und den Bamberger Symphonikern reich intonierende und flexible Partner.

Ein Klavier war im Container nach Namibia nachgekommen.

Kirschnereits Mozart ist pointiert bis zur Schroffheit. Alle zauberflötige Lieblichkeit geht ihm ab –trotz endzeitlicher Träumerei wie im letzten Konzert B-Dur KV 595. Der Helge-Schneider-Fan pflegt einen rhetorisch packenden, dabei wie selbstverständlich fließenden Mozart. „Kommen lassen“ ist seine Devise. Man müsse Mozart fließen lassen. Doch daran gemessen sind diese Deutungen wunderbar gespannt und rhythmisch definiert.
Wohl gerade eine gewisse Exzentrik sorgte für Kirschnereits Treffer ins Schwarze. Die ersten Jahre in Afrika klimperte er unbelehrt vor sich hin (ein Klavier war im Container nachgekommen). Im Konservatorium von Windhoek wurde erst spät Bach geübt. Später ließ er sich dafür als „Pianist, der aus der Wüste kam“ verulken.
Doch Kirschnereit, der dem spirituellen Aspekt Mozarts mehr Raum gibt als viele Zeitgenossen, ist kein Spätzünder. Von alternden Mozart-Entdeckern wie Horowitz oder Michelangeli hält er wenig. Seine Mozart-Helden sind Murray Perahia, Maria Joao Pires und Geza Anda. Sein Mozart ist die Summe aus Fremdheit und Tradition. Aus Spontaneität und Gefühl. Ein Mozart für alle.
„Der tut der Seele gut“, sagt Matthias Kirschnereit schlicht. Freilich, an dieser therapeutischen Tatsache gemessen, hat das Mozart-Jahr wenig Seelenfreude gebracht. Mit Matthias Kirschnereits Klavierkonzerten nimmt es immerhin ein gutes Ende.

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